Der Revolutionsführer
Muammar el Gaddafi

Muammar el Gaddafi entstammt einer Beduinen-Familie und wurde nahe Sirte, einer an der Großen Syrte gelegenen Stadt, 1942 geboren.

Sein Großvater verstarb während der Invasion der Italiener 1911 und sein Vater Mohammed Abdul Salam bin Hamed bin Mohammed Al-Gaddafi (Qadhafi), genannt Abu Meniar, kam während der Kolonialzeit in Haft. Gaddafi war der einzige Sohn von Abu Meniar (verstarb über 90jährig im Jahr 1985) und Aisha Gaddafi (verstarb 1978). Muammar el Gaddafi hat zwei Schwestern.

Seine Grundschulzeit verbrachte der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Gaddafi in einer Koranschule für Kinder in Sirte und in der Provinzhauptstadt des Fezzan Sebha. Nach Problemen an der Schule wegen seinen Aktivitäten und Reden gegen das libysche Königshaus musste Gaddafi die Sekundarstufe in der tripolitanischen Stadt Misurata beenden. Nach dem Putsch gegen den König Faruk I von Ägypten durch Gammel Abdel Nasser wurde Nasser zu Gaddafis Vorbild in der arabischen Welt.

1956 gehörte Gaddafi zu einer "Revolutionären Zelle" gegen das Regime von König Idris I.
1962 begann er ein Studium der Geschichtswissenschaft und Jura an der Universität Benghazi.
1963 nahm ihn die Militärakademie (Militärschule) von Benghazi als Offiziersanwärter auf. Er leistet seinen Dienst u.a. bei der British Royal Signal Corps School.
1965 wird Gaddafi zum Leutnant der libyschen Armee befördert. Zu diesem Zeitpunkt gründete er den "Bund der Freien Offiziere" mit, der gegen die Monarchie und gegen die westlichen Stützpunkte im Land eintrat. Gaddafi vertiefte seine militärische Ausbildung in Großbritannien im Royal Armoury Corps Center von Bovington (Dorset), Academy of Beaconsfield und später an der Royal Military Academy (RMA) of Sandhurst.
1966 kehrt Gaddafi zum Dienst im libyschen Heer zurück.

Im August 1969 wird Muammar el Gaddafi zum Hauptmann befördert. Ein Militärputsch gegen Idris I. wird für drei Termine geplant: 12. März 1969, 24. März 1969 oder zuletzt 1. September 1969. Die Aktion wird "Operation Jerusalem" genannt, der die gleichzeitige Besetzung der militärischen und strategisch wichtigen Punkte in Tripolis und Beghazi vorsieht.

Am 1. September 1969 putscht der von Gaddafi mitbegründete "Bund der Freien Offiziere" erfolgreich gegen den König Idris as Senussi und nach dem Erfolg der Aktion wird Gaddafi zum Oberst und Vorsitzenden des Revolutionäre Kommandorates (Majlis Kyiadat Ath-thawra) befördert. Gaddafi ruft über den Radiosender in Benghazi die Libysch-Arabische Republik (Al-Jamhooriya Al-Arabiya Al-Libiyah) aus. Gaddafi als neue Führungspersönlichkeit will ähnlich wie der Ägypter Nasser die arabische Welt beeinflussen. Er beseitigt die Korruption und Vetternwirtschaft unter dem König Idris I. und tritt für mehr Effektivität im Staatsapparat ein. Persönlich wird Gaddafi im Westen als unbestechlich und an persönlichem Reichtum nicht interessiert, beurteilt. Ein erstes Geheimdienstdossier fertigten die Briten und die USA bereits 1966 über Gaddafi an.

Einige Monate nach der "Grünen Revolution" beginnt auf Anordnung von Gaddafi die Verstaatlichung von Banken und Versicherungen sowie von Ölförderkonzessionen der ausländischen Erdölkonzerne.

In den 70er Jahren beginnt Gaddafi auch die umfangreiche finanzielle Unterstützung verschiedener Befreiungsbewegungen in der Welt. Die USA verstärken gegenüber Libyen den Vorwurf, dass Gaddafi den Terrorismus fördert.

Als Begründer der im Grünen Buch (das erste Kapitel erschien im Jahr 1973) niedergelegten Dritten Universaltheorie (neben Kapitalismus und Kommunismus) beginnt er, die nach dem Ende der Monarchie begonnenen sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Reformen ideologisch zu untermauern. Getreu der Vorstellung, dass der Islam sowohl permanente Revolution als auch moderne Ideologie sei, spiegelt die Dritte Universaltheorie Gaddafis Islamverständnis wider.

Besonders seine Vorstellungen vom islamischen Recht und der islamischen Jurisprudenz haben ihm von Seiten sunnitischer Persönlichkeiten und Institutionen Häresievorwürfe eingebracht. Der Koran ist nach Gaddafis Vorstellungen die einzig legitime Quelle der Scharia. Da die Sunna im Gegensatz zum Koran keinen göttlichen Ursprung für sich beanspruchen kann, sei sie für das islamische Recht irrelevant. Auch andere Kriterien, die von allen Rechtsschulen zur Ausformulierung und Interpretation der Scharia anerkannt sind, werden verworfen. So ist jeder des Arabischen mächtige Muslim befugt, in Rechtsfragen selbständige Entscheidungen auf Grund der Interpretationen der Quellen (Ijtihad) zu fällen. Islamische Rechtsgelehrte sind daher überflüssig.

Mit der Gründung der international agierenden "Gesellschaft für islamische Mission" versucht Gaddafi seit 1972, vor allem im Afrika südlich der Sahara auf der dortigen Muslime Einfluss zu gewinnen.

1976 wird Gaddafi zugleich Oberbefehlshaber der libyschen Streitkräfte und 1977 nach Auflösung des Revolutionären Kommandorats, Generalsekretär des Allgemeinen Volkskomitees der Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriyah. 1979 legt Gaddafi formell alle politischen Ämter nieder, bleibt aber bestimmende politische Persönlichkeit und de facto Staatsoberhaupt in Libyen. Er trägt als offiziellen Titel künftig das "Amt": der Revolutionsführer.

Anfang der 80er Jahre und besonders 1986 kommt es zu einer Zunahme der Spannungen zwischen Libyen und den USA, bis zum Höhepunkt am 15. April 1986 als US-Präsident Ronal Reagan einen Terror-Luftangriff auf Libyen befiehlt. US-Kampfflugzeuge warfen Bomben auf Tripolis und Benghazi ab, dabei wird auch Gaddafis Adoptivtochter Hanna ermordet und zwei seiner Söhne werden verletzt.

Innenpolitisch lockerte Gaddafi Ende der 1980er Jahre Jahre die staatlichen Wirtschaftskontrollen und bemühte sich, die Beziehungen zu den arabischen Staaten zu normalisieren.

1989 kommt es zu internationaler Kritik wegen dem von  den USA vermuteten Bau einer Chemiefabrik zur möglichen Produktion von chemischen Kampfstoffen in Rabta. Auch eine Anlage nahe Tarhunah soll der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen dienen. Wegen dem Lockerbie-Anschlag im Dezember 1989 und der Weigerung Libyens 1992 die per internationalen Haftbefehl gesuchten Verdächtigen auszuliefern, verhängen die Vereinten Nationen im April 1992 ein Luftverkehrs- und Waffenembargo.

Durch die UN-Sanktionen wird die Wirtschaft erheblich geschwächt. Erst nach Auslieferung der Beschuldigten und dem Gerichtsurteil vor einem schottischen Gericht in den Niederlanden im Januar 2001 werden die UN-Sanktionen aufgehoben. Die USA hielten ihr Wirtschafts- und Waffenembargo bei. Die europäischen Staaten wiederum führen nur noch ein Waffenembargo (einschl. sensibler Industriegüter)  gegen Libyen durch.

Nachdem Gaddafi jahrelang als Mentor des religiös begründeten Terrorismus gegolten hat, grenzt sich Gaddafi seit Ende der 1990er Jahren aus innenpolitischen Gründen und aufgrund der Terroranschläge in den USA vom 1. September 2001 deutlich von militant islamistischen Bewegungen (u.a. El-Kaida, Libysche Kampfgruppe - Libyan Fighting Group) ab und versucht auf dem afrikanischen Kontinent an Einfluss zu gewinnen. So gilt er als Initiator der Sin Sad-Staaten (CEN-SAD) und ist entscheidend beteiligt an der Umorganisation der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) zur Afrikanischen Union (AU), die sich im Sommer 2002 vollzog.

Die UMA Union de Arab Maghreb (die arabische Maghrebunion) spielt eine zunehmende Rolle bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Nachbarländern und mit Marokko und Mauretanien.

Libyen wird nach der Jahrtausendwende erneut von den USA als Förderer des Terrorismus und zur "Achse des Bösen" durch US-Präsident George W. Bush bezeichnet. Das Hauptaugenmerk der US-Außenpolitik liegt aber zunächst auf Afghanistan, Irak, Nordkorea und Syrien.

Die libysche Aussenpolitik setzt ihre Schwerpunkte auf die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten und hat wiederholt den Austritt aus der Arabischen Liga in Erwägung gezogen. Dies im Hinblick auf die pro-westliche Haltung der arabischen Bruderstaaten im Golfkrieg gegen den Irak 2003.

Niemals offiziell bestätigt, aber in einigen Medienberichten diskutiert wird, dass nach der Zeit von Muammar el Gaddafi dessen Sohn Saif al Islam Gaddafi die zukünftigen Geschicke des Landes bestimmen wird. Saif al Islam Gaddafi ist derzeit Vorsitzender der Gaddafi-Stiftung GIFCA (Gaddafi Foundation of Charitable Associations), die Hilfsprojekte im Ausland fördert und bei Krisen in anderen Staaten (u.a. auf den Philippinen) vermittelt.

Anmerkung:
Gaddafi ist offensichtlich einer der wenigen Politiker, die im Sinne der Lehren des Chinesen Mao-Tse-Tung handeln. Mao lehrte, dass jedes Volk eigene politische Kampftaktiken und einen Sozialismus entwickeln müsste, der der Kultur, dem Bewusstsein und den wirtschaftlichen Bedingungen der Menschen entspricht. (So ähnliche formulierte es auch der Russe 'Lenin'. Das sollten sich die deutschen (sogenannten) 'Linken' in ihr Stammbuch schreiben!)



Muammar el Gaddafi und Ehefrau Safiyah Gaddafi




(Quelle: Libyen-news / Info)