Aus alter Überlieferung:
Eine Runenmeister-Einweihung

Es war der Tag des Heil-Adlers (1. August). Der junge Sigurd wartete sehnsüchtig auf seine Jarl-Runenmeister-Einweihung. Nach Sonnenuntergang ging der alte Runenmeister Rigar mit seinem Schüler zu einer nahen Waldlichtung. Mitten in der Lichtung stand ein altarähnlicher Felsblock. Auf die Anweisung von Rigar stellte sich Sigurd vor den Steinaltar, das Gesicht nach Norden und meditierte.

"Heute wirst du in ein grosses Runengeheimnis eingeweiht. Gehe auf den Waldrand zu, alles andere ergibt sich von selbst", sagte Rigar zu seinem Schüler.

Sigurd stand vor einem dunklen Waldweg. Zu beiden Seiten des Weges flammten plötzlich Runenzeichen auf. Die Wegmitte wurde von einer leuchtenden Sonne erhellt. Der Mittelpunkt der Sonne verlor sich in der Unendlichkeit. "Präge dir die paarweise Anordnung der achtzehn Heilszeichen ein", hörte Sigurd eine fremde, mächtige Stimme. "Beginne mit der ersten Rune!", befahl die Stimme. Sigurd gehorchte und trat vor die FA-Rune hin. Die Urfeuer-Rune wuchs leuchtend ins Gigantische, feurige Kurven und Schwingungen kreisten und Sigurd erkannte ihre Bedeutung.

FA, FEO, FEH - Urfeuer, Kosmos
"Am Anfang war die Tat!"
Jedes Tun bedingt drei Stufen: Anfang, Fortsetzung und Vollendung. Diesem dreifachen Wechsel in der Zeit ist alles Stoffliche unterworfen. Alles Bestehende vergeht, um neu erschaffen zu werden. Alles fliesst, alles verändert sich in jedem Augenblick. Der Weise kennt diesen notwendigen Wechsel, der alles irdische und kosmische Geschehen umfasst. Er weiss, daß eine geheime Kraft, das Urfeuer, einen Schmelztiegel darstellt, in dem der 'Stoff-Wechsel' vor sich geht. Er hat den Ruhepunkt erkannt in der Flucht der Erscheinungen, der bei jeder Veränderung in unberührbarer Ruhe verharrt, nämlich die Göttlichkeit, von der er selbst ein Teil ist.

"Sieh jetzt nach rechts und wisse, daß immer zwei Runen besonders eng zusammen gehören, obwohl alle Runen miteinander magisch verbunden sind. Versuche, ob du die Ursache des Urfeuers erkennst." Sigurd wandte sich nach rechts, doch kaum hatte er einen Blick auf die GIBOR-Rune geworfen, mußte er geblendet die Augen schliessen vor dem göttlichen Licht, das die Rune ausstrahlte. "Die Göttlichkeit schauen heisst, in sie eingehen", sagte die Stimme, "du darfst es noch nicht, denn du hast auf der Erde noch Pflichten zu erfüllen. Jedoch dein Wille entscheide: wählst du die Pflicht oder willst du versuchen, in die selige Göttlichkeit einzugehen? Entscheide dich!" - "Ich wähle die Pflicht und die Götter werden mir helfen, sie treu zu erfüllen", antwortete Sigurd.

GIBOR, GIFA, GEA, GIA - Göttlichkeit, Erde, Tod.
"Beginn des ewigen Lebens."
Die GIBOR-Rune wird auch FYRFOS = Feuererzeuger genannt. Entzünder des Feuers der Liebe, das zur Vollendung führt. Der Futhork und das Runenlied der Edda beginnt mit der FA-Rune, der göttlichen Sende-Rune und endet mit der göttlichen GIBOR-Rune; damit ist der Kreis geschlossen.

Nachdem er diese Erkenntnisse in sich aufgenommen hatte, wandte sich Sigurd der dritten, der Urlicht-Rune zu. Diese Rune übergoss ihn mit ihren wunderbaren Glanz. Sigurd fühlte sein Inneres still und friedlich werden, sein Herz war von Freude erfüllt, sein Verstand nahm die Runen-Weisheit auf.

UR - Urlicht, Unsterblichkeit, Urewigkeit
Diese Rune lehrt den Urgrund, die Ursache aller irdischen und kosmischen Erscheinungen. Die Rune zeigt mit der Spitze nach oben und deutet hiermit an, daß alles Geschehen im ewigen Urgrund wurzelt. Der senkrechte Balken geht durch diesen Urgrund Göttlichkeit darstellenden Mittelpunkt des Kreises, der das Sechseck (s. Runen-Kanon) umschliesst. Dieses Berühren des Göttlichkeit symbolisierenden Mittelpunktes findest du bei allen Runen, so wie sich die Göttlichkeit auch in allem offenbart.

"Wende dich wieder nach rechts!", erklang die Stimme. Nur schwer konnte sich Sigurd von der UR-Rune trennen. Ein Leuchten blieb in ihm zurück. Vor ihm strahlte jetzt die EH-Rune oder Vereinigungs-Rune. Als sein Auge auf ihr ruhte, verblasste die Rune. Licht erstrahlte. Das Licht wurde heller und heller, in dem Licht wurden die Umrisse einer schönen Frau sichtbar. Sie bewegte ihre Lippen und Sigurd hörte die rätselhaften Wirte: "Ich bin deine Vereinigung mit dem Urlicht!" Langsam verschwand die Erscheinung und die Rune wurde wieder sichtbar.

EH - Vereinigung, Hoffnung
Die EH-Rune (Ehe-Rune) hat einen Arm von der MAN-Rune und einen von der YR-Rune, die zusammen den Schrägbalken bilden, der von links unten (Materie) aufsteigend nach rechts oben (Geist) geht. Dies zeigt, daß die Erlösung des Menschen allein in erkennender Ehe möglich ist. Denn der Mann, dem es gelingt, seinen Körper zu verklären, verklärt auch seine Frau durch den Ehevollzug.

Sigurd wandte sich wieder nach links und stand vor der THOR-Rune. Er spürte strömende Energie. Die Rune stärkte seinen Willen und änderte ihr rotes Feuer in ein stahlblaues, aus dem helle Blitze zuckten. Mitten in ihnen entdeckte Sigurd sich selbst.

THOR, THURS, DONAR
Wille und Tat, Leben und Tod als Pole.
Die Bedeutung dieser tiefsinnigen Rune ist mannigfaltig. Einmal versinnbildlicht die Form der Rune einen Dorn, der einen Ithyphallus gleicht, den Lebensdorn, der den Willen zum Leben ausdrückt. Andererseits auch den Tod mit Wiedergeburt im unendlichen Wechsel: "Kein Leben ohne Tod, kein Tod ohne Leben." Diesem Gesetz kann sich nichts und niemand entziehen.

"Sieh zu Rechten deine Werke, die du währwns vieler Leben schufst in der Materie", gebot die Stimme. Sigurd tat es. Was erblickte er? Gutes und Böses, Schönes und Hässliches - zeigten ihm die Bilder, die von der Rune der Materie abgestrahlt wurden.

YR, EUR - Frau, Materie, Irrtum, Chaos
Die drei Spitzen der YR-Rune richten sich nach unten, damit wird deutlich, daß das weibliche Geschlecht in der Materie wurzelt. So wie die Materie die Erscheinungen formt, verkörpert die Frau die Widerspiegelung des Mannes. Die Frau hat ihre eigenen natürlichen Rechte, doch aus den Rechten erwachsen ihre Pflichten. Diese Rune gehört zum veränderlichen Mond.

"Deine Werke folgen die nach. Jedoch nicht immer war dein Wille frei, vieles mußtest du tun. Sieh ihren Ursprung." Sigurd begab sich zur Ursprungs-Rune, aber statt des Runenzeichens sah er einen leuchtenden Kreis mit einem leuchtenden Punkt in der Mitte, sonst nichts. Doch er verstand.

OS, AS, ASK - Ursprung, Entstehung, Mund, Ase
Die Bedeutung des Runennamens OS ist: Mund. Gross ist die Macht des Wortes. Jedoch nicht die Rede kann Taten vollbringen. Nur kühne Taten nach kurzer Rede bringen Früchte. Im Runenlied heisst es daher: "Von Wort entwickelte sich Wort zu Wort, doch Taten treiben zu Taten."

Sigurd wandte sich nun nach rechts und erstaunte, als die MAN-Rune blauleuchtend wurde und seine Gestalt annahm. Sie symbolisierte nicht seinen Körper, sondern seinen Geist. Die Gestalt verschwand bald wieder und die Rune wurde rotleuchtend sichtbar.

MAN, MANA, MANU - Mann, Geist, Mensch, Wahrheit
Bei der Betrachtung dieser Rune fällt ihre Ähnlichkeit mit einem Menschen auf, der in sakraler Haltung seine Arme zum Himmel erhebt. Von besonderer Bedeutung ist die obere Dreiteilung. Sie symbolisiert: die Einheit von Körper, Seele, Geist. Bemerkenswert ist, daß sowohl das Wort Mann wie auch das Wort Materie (von mater = Mutter) mit dem Urwort MA beginnt. Dies deutet auf auf die unlöslichen Beziehungen zwischen Mann und Frau hin.

Sigurd trat nun vor die Urgesetz-Rune. Bald entstand aus ihr ein riesiger Felsen, in dem in goldenen Runen die unvergänglichen Gesetze der Vorfahren leuchtend hervortraten. Viele waren ihm bekannt, andere waren ihm fremd.

RIT, RITA - Urgesetz, Recht, Rat, Stärke
Die Rune weist auf Rita hin, das Urrecht, untrennbar verbunden mit der Wihinei als Einheit von Recht, Wissenschaft und Religion. Hier ist das Recht gemeint, "das mit uns geboren ist", also die ewigen unveräusserlichen Rechte. Auf dieses göttliche Recht gründete sich die ursprüngliche Innerlichkeit unserer Vorfahren. Die Innerlichkeit gab ihrer Wissenschaft (= Wissen schaffen) und ihrer Religion die Stärke, allen Gewalten zum Trotz siegreich zu überstehen.

"Möge es geschehen", murmelte Sigurd und wandte sich zur nächsten Rune. Auch diese Glyphe, die Rune der Prüfung, zeigte sich ihm bald in Bildern, aus denen er klar ersehen konnte, daß alle Prüfungen, denen er als einzelner und sein Volk unterworfen wurde, notwendig für seine und die Seele seines Volkes waren, um neue Erfahrungen zu sammeln.

LAF, LAGU, LOGAR - Prüfung, Versuchung, Erfahrung
Das Leben ist eine grosse Prüfung und eine schmerzliche Einweihung. "Hat das Leben einen Sinn?", hört man oft jemand fragen. Doch niemand kann eine zufriedenstellende Antwort geben, nur der Fragesteller selbst. "Was ihr nicht fühlt, werdet ihr nie erlangen!" Was muß man erfühlen? Die Gewissheit der Rück-Verbindung (re-ligio) mit der unnennbaren Göttlichkeit, dem Urgrund des Seins. Das Bewusstsein dieser Wihinei ist eine Folge der Erkenntnis, die den Betreffenden Wissen statt Glauben bringt in Bezug auf das Warum des Lebens, die Fortdauer der Individualität usw. Der Eingeweihte weiss, daß sein irdischer Körper einen feinstofflichen Körper birgt, der beim sogenannten Sterben die irdische Körperhülle verlässt. Er weiss, daß es nur eine Entwicklung gibt: zurück zur Göttlichkeit, den Urgrund von allem, das da war, ist und sein wird. Er weiss den Weg, um schon im Erdendasein den Feinstoffkörper zur Vollkommenheit zu entwickeln.

Warum diese Erfahrungen? Sigurd weiss nun die Antwort. Die nächste Rune, die Rune des Könnens und der Gerechtigkeit, bekräftigt sein Wissen. Im Rahmen eines Sechsecks verwandelt sich die Rune in eine Priesterin, die eine Waage hält. In der einen Schale lag ein Schwert, in der anderen Schale befand sich Blut; beide hielten die Waage im Gleichgewicht.

KA, KUNNA, KAUN - Gerechtigkeit, Können, kühn
Bei der Erklärung des entsprechenden Verses im Runenlied der Edda liegt das Schwergewicht auf dem Wort: Kunna = Mädchen. Dieses Wort weist auf das weibliche Prinzip im Kosmos. Die Rune ist das Symbol der ausgleichenden Gerechtigkeit, zu deren Ausführung das weibliche Geschlecht berufen ist. Die KA-Rune wird deshalb dem Planeten Venus zugerechnet.

Sigurd drehte sich zur Lebens-Rune, die ihm die Bedeutung der vorherigen Rune enthüllt. In schnell wechselnden Bildern erscheinen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als eine einzige Gegenwart. Stets halten sich Schwert und Blut die Waage.

BAR, BEORK, BIRK - Geburt, Werden, irdisches Leben
Das Runenlied lässt erkennen, das es sich hier um die Wiedergeburt handelt. Da das irdische Leben nur dem Kampf um das Dasein gewidmet ist, wird diese Rune dem Planeten Mars zugeordnet. Das Marssymbol lässt sich folgendermassen deuten: ein Kind verlässt den ewigen Mutterschoss - oder: Geburt mit nachfolgendem Daseinskampf.

Sigurd wandte sich nun zur Weisheits-Rune; auch diese Rune verglomm. Es erschien eine achtunggebietende Greisengestalt. Diese sprach die seltsamen Worte: "Werde, wie ich wirklich bin!" Kaum waren diese Worte verklungen, da umfloss den Greis silberweisses Licht. Die Rune wurde wieder sichtbar.

HAGAL - All hegen, Weisheit
Die HAGAL-Rune ist eine besondere Heilsrune. Denn wer Göttlichkeit im Ich empfindet, in sich das All hegt und einschliesst, dem kann kein Unheil geschehen. Die HAGAL-Rune setzt sich zusammen aus der MAN-Rune (Geist) und der YR-Rune (Materie). Sie ist das vollendete Symbol der Polarität (der Mannweiblichkeit), die das Sein beherrscht. Die Rune ist dem weisen Planeten Merkur zu eigen.

Sigurd verstand. Als ihm die nächste Rune, die Rune der Wiedergeburt, eine endlose Kette von Existenzen (als Mann, Frau, Kind, Knaben, Greis...) in allen denkbaren Lebensumständen zeigte, beschloss er, alles daran zu setzen, um das ihm von der HAGAL-Rune gezeigte Ziel zu erreichen, um dadurch dem Ringe des ewigen Wechsels zu entgehen.

TYR, TIUS, TAR - Anfang, Zeugung, Werden, Wiedergeburt
Der dunkle Text des Runenliedes weist auf die Wiedergeburt, gemeint ist nicht die Wiedergeburt in das irdische Leben, sondern die des Lichtlebens der Seele. Herabsteigen vom Baum des Lebens werden wir erst dann, wenn in uns die göttliche Stimme hörbar wird und wir erkennen, daß ein göttliches Leben im Licht einem Erdenleben vorzuziehen ist. Weil diese Rune auch die Gewissheit der irdischen Wiedergeburt birgt, wird sie ebenfalls als Sieg-Rune aufgefasst - Sieg des Lebens über den Tod. Deshalb wurde sie auch auf Speerspitzen, Schwertklingen und in Schilder eingeritzt.

Sigurd wußte, daß einem eisernen Willen nichts unmöglich ist; so wandte er sich gefasst der fürchterlichen Schicksals-Rune zu. Die Rune leuchtete rotglühend auf, als er vor sie trat und erlosch kurz danach.

NOT, NAUTH - Not, Tod, Verlust, Schicksal, Norne
Diese Rune bringt Not und Tod, jedoch auch die Wende. Not und Tod sind zeitlich begrenzt; gemäss dem Gesetz des ewigen Wandels nur vorübergehend. Die Not wird durch günstige Umstände überwunden; der Tod durch die Verwandlung, die Wiedergeburt, die so oft erfolgen wird, solange der Betreffende Wünsche an das irdische Leben hat. Diese Nornen-Rune symbolisiert das Schicksal, dem sich keiner entziehen kann.

"Wende dich nach rechts", klang die Stimme. Sigurd tat es und sah statt der erwarteten SIG-Rune sich selbst als Mannweiblichkeit. Freude durchflutete ihn. "Werde, was du bist!", erklang die Stimme. In Sigurd ging eine Verwandlung vor sich. Er fühlte deutlich, wie sich in ihm ein leuchtender Kern ausbreitete, der schon immer in ihm geschlummert hatte - und der ihn jetzt ganz durchdrang.

SIG, SOL, SUL - Sieg, Heil, Seele, Säule
Der Runenname SOL, SUL ist verwandt mit dem englischen Wort für Seele = soul. Die SIG-Rune besteht aus drei Teilen; sie symbolisieren:
1. das Leben der Seele in der Göttlichkeit;
2. den Abfall in die materielle Welt;
3. die Wiedervereinigung mit der Göttlichkeit nach der Überwindung der Materie.
Aus dem Namen der SIG-Rune setzt sich auch der altgermanische Gruss: "Sal og sig!" (= Heil und Sieg) zusammen. Dieser Gruss diente auch als Kampfruf. Die SIG-Rune war auf Wehr und Waffen angebracht, wie das Runenlied berichtet.

"Jetzt bist du bereit für die Gabe der neunten Rune." Sigurd fand sich vor der magischen Ich-Rune wieder, die sich helleuchtend in einen goldenen Stab verwandelte, der ihm in die Hand fiel. "Du hast jetzt die Macht, Gutes zu tun, soweit es das Schicksal zulässt", sagte die Stimme. "Du bist ein Runenmeister und bleibst es, solange du es selbst willst. Nimm nun die Weihe an."

IS, ISA, ISO, ISU - Ich, Beherrschung, Magie, Eis
Die IS-Rune wird durch einen aufrechten Balken dargestellt; durch die Berührung des göttlichen Mittelpunktes nach oben und unten. Dies weist auf die überall vorhandene Polarität hin. Sie versinnbildlicht das männliche Prinzip im All und den magischen Stab, durch den Positives aus niederer Materie geschaffen wird. Aus diesem Grunde symbolisiert die Rune die Magie und magische Handlungen, die nur vom Mittelpunkt der Welt, der Göttlichkeit ausgehen kann. Diese gewaltigen Kräfte werden nur in der Hand des Menschen wirksam, der die schwere Kunst der Selbstbeherrschung meistert.

Sigurd wandte sich zur letzten Rune, der Sonnen-Rune. Rotgolden leuchtete sie und umgab ihn mit blendender Helle. Das Runenbild verschwand und vom Himmel kam ein mächtiger Königsadler geflogen, in seinen Fängen trug er als Sonnenbote einen goldenen Akazienkranz. "Sei treu bis in den Tod, und ich will dir die Krone des ewigen Lebens geben." Mit diesen Worten wurde ihm von unsichtbarer Hand die goldene Kranz auf das Haupt gedrückt.

AR, ARA, ARI - Adler, Schönheit, Vollendung
Die Spitze der AR-Rune weist nach oben. Denn der vollendete Mensch wird sich einst einem Phönix gleich aus der Asche der Materie erheben, um wie ein Adler zu seiner ureigentlichen Lichtheimat emporzufliegen, die er vor Urzeiten verliess. Die AR-Rune ist der Sonne zugeeignet, die für die Erde und die anderen Planeten das Urfeuer verkörpert. Vor der magischen Gewalt dieser Rune weicht jeder Spuk.

"Wende dich nun zum Ende des Weges, damit du dich der Wahrheit und dem Schluss näherst", tönte die geheimnisvolle Stimme. Sigurd wandte sich zur leuchtenden Sonne am Ende des Weges. Kaum hatte er das getan, fühlte er sich von einem ungeheueren Wirbel fortgerissen. "Er ist einer der Unsrigen!", hörte er noch sagen. Dann war Ruhe und er spürte einen schnellen Fall.

Sigurd öffnete seine Augen und hob den Kopf, leicht verwirrt, wie aus einem Traum erwachend. Um ihn herum war Nacht, der Wald und vor ihm stand Rigar, der Runenmeister. Er umarmte Sigurd. "Nein, du hast nicht geträumt", beantwortete Rigar die unausgesprochene Frage Sigurds. "Ich sehe die Siegenzeichen, den Kranz auf deinem Haupt und den Stab in deiner Hand. Du bist ein Eingeweihter, einer der Unsrigen, weil du den Weg der Pflicht wähltest." Schweigend verliessen die beiden im Urlicht Leuchtenden den stillen Wald, der alte und der neue Runenmeister.